Share artice.

Artikel - Von Blindflügen und Tiefgang

Live ist Life. Mit diesem Slogan und Hit tourte die österreichische Band Opus in den Achtzigerjahren durch die Musikwelt. Zu widersprechen ist den Rockern im Prinzip nicht. Bei einem TV-Sender wird der Adrenalinschub an Hockey-Spieltagen ebenso live gelebt. Aber es gibt eben auch ein spannendes Leben im Unplugged-Bereich, dort wo im Normalfall keine Aufnahmegeräte mehr surren, sondern Türen ins Schloss fallen – mitten in der Privatzone der Teams, in der üblicherweise heiligen Garderobe.

Wo die ausserhalb der Corona-Pandemie frei zugängliche Mixed-Zone aufhört, beginnt das Feld der Dokumentarfilmer. Die Crew mit dem Blick in Tiefe durfte sich in der letzten Saison dem HC Davos in einer Form nähern, die bisher so nicht bekannt war im modernen Schweizer Profi-Eishockey. Innerhalb dieses Projekts dokumentierte MySports den „Aufbruch und Stillstand“ des Rekordmeisters aus der Innenperspektive. Es ging nicht darum, die Akteure zu entblössen, sondern ungefilterte Impressionen in einen recherchierten Gesamtkontext einzubetten. 

Remote video URL

Kurzum: Das DOK-Team illustriert die Menschen von allen Seiten, schärft ihre Geschichten, versucht die menschliche Komponente ausserhalb des Spielfelds in den Fokus zu rücken. Der Sport hat weit mehr als Tore, Assists, Siege und Niederlagen zu bieten. Hinter den Kulissen werden laute und spektakuläre Protagonisten plötzlich still und nachdenklich. Bei einem Kaffee oder einem Spaziergang kommen unverhofft Themen zum Vorschein, die ihnen in Beobachterkreisen niemand zugetraut hätte. 
Um aber überhaupt je an einen für DOK-Verhältnisse entscheidenden Punkt zu gelangen und das Aussergewöhnliche in Bild und Ton aufzunehmen, bedarf es immenser Basisarbeit. Die Hauptdarsteller müssen den externen Machern vertrauen. Sie müssen auch in unvorteilhaften Phasen vollumfängliche Nähe zulassen. Im Gegenzug ist die hundertprozentige Zusicherung der Filmemacher unerlässlich, die aufgezeichnete Intimität und teilweise heiklen Sequenzen in keiner Form in den TV-Alltag einfliessen zu lassen. 

Weitere 
MySports-Dokumentationen

Für alle Beteiligten ist der Tiefgang vor der Kamera nicht selten ein beidseitiger Balanceakt. Wo ist die Grenze? Was könnte die Authenzität gefährden? Gibt es Tabuthemen? Wann verliert ein Spieler oder Trainer das Gesicht und die Nerven? Im Grenzbereich ist der permanente Austausch mit den Entscheidungsträgern unerlässlich. Ab und an ist für die DOK-Equipe eine Selbstreflexion angezeigt. Bei einer Kollision der Interessen ist das Wohl der Mannschaft höher zu gewichten – ansonsten droht ein fataler Verlust der Kreditwürdigkeit. 
Im Fall von Davos resultierte im letzten Frühling trotz dem höchst unfreundlichen Corona-Ende eine wunderbare Geschichte, die beim ersten Austausch im Juni 2019 keiner der Involvierten je so prognostiziert hätte. Blindflüge gehören ebenso dazu wie Höhenflüge. Sie mit einer Kamera festzuhalten, ohne dabei aus Sportstars Schauspieler zu formen, ist überaus reizvoll – das (Sportler-)Leben ist eben mehr als live.