NHL-Draft: Schweizer Perspektive und Bilanz

Beim diesjährigen NHL-Draft wurde Leon Muggli in der zweiten Runde von den Washington Capitals ausgewählt. Trotz einer verbesserten Bilanz mit vier gedrafteten Schweizern bleibt das Ergebnis hinter den Erwartungen zurück. Muggli steht nun im Rampenlicht und soll in Zug weiter reifen, um in der Zukunft eine entscheidende Rolle zu spielen.


Leon Muggli und die weiteren Schweizer:

Vier Draftpicks ist ein klar besseres Resultat als in den vergangenen Jahren und trotzdem ist es eine leise Enttäuschung, denn dieser Jahrgang gilt als ein besonders guter in der Schweiz und trotzdem fehlt ein High-End-Pick, oder wenigstens zwei oder drei Zweit- oder Drittrundenpicks. Halten wir uns vor Augen: Länder wie Belarus oder Norwegen waren erfolgreicher als wir in diesem Draft, andererseits haben wir besser als die Slowaken und die Deutschen abgeschnitten. Im Vergleich zu den Top6 Nationen schauen wir aber einmal mehr alt aus und dies – wie bereits gesagt – mit einem für unsere Verhältnisse guten Jahrgang. 

Leon Muggli ist unser diesjähriges Aushängeschild, er wurde von den Washington Capitals in der zweiten Hälfte der zweiten Runde (52nd overall) gezogen. Die Caps werden Muggli in den Camps sicher sehr genau unter die Lupe nehmen, ich denke aber, dass sie geduldig und smart genug sind und darum Muggli eine weitere Saison in Zug reifen lassen werden. Ich persönlich würde diesen Entscheid für beide Parteien gut finden. 

Deutschland ohne einen einzigen Pick? Dies ist ein desaströses Resultat und das Schlimme daran ist, dass es nicht sehr überrascht. Mehr als eine Handvoll «mögliche Draftpicks» hatten die Deutschen in diesem Jahr leider nicht zu bieten. Zum Glück schaut es aus heutiger Sicht für den nächsten Draft besser aus. Was haben die Schweizer im nächsten Draft zu bieten? Ich befürchte, dass er tendenziell eher wieder so sein wird wie die letzten Jahre, aber die Saison ist lang und grosse Entwicklungssprünge sind durchaus möglich.

Das NHL-Draft Setting:

Schlicht und einfach sensationell, wie dies im «Sphere» in Vegas inszeniert wurde, Vegas wie es leibt und lebt und es stellt sich schon die Frage, ob die NHL-GMs vielleicht nicht doch auf deren Entschluss des künftig «dezentralen Drafteventes» zurückkommen wollen. Ich persönlich wünsche es mir. 

Die Überraschungen:

Bereits fast am Anfang des Drafts gab es die erste grosse Überraschung. Die Anaheim Ducks wählten als die Nr. 3 overall  Beckett Sennecke. Auch der Sennecke selbst konnte es gar nicht glauben. Er war in der zweiten Saisonhälfte einer der grössten Aufsteiger in den diversen Rankings, aber Nr. 3 overall? Dies ist sehr mutig von Pat Verbeek, dem GM der Ducks. Er muss diesen Pick in 3-5 Jahren an Spielern wie z.B. Ivan Demidov, Cayden Lindstrom, Tij Iginla, Berkly Catton oder einem der top Defender messen lassen. 

Sicher eine positive Überraschung erlebten die zahlreichen Habs-Fans. Dass die Montreal Canadiens als Nr. 5 den vielleicht talentiertesten aller Spieler, Ivan Demidov, noch ziehen konnten, lässt die Herzen aller dieser Franchise Zugehörigen höherschlagen. Ivan Demidov als Nr. 5 overall: So eine Art «Steal», wie ich meine.

Beste nicht gedraftete Spieler:

Überraschungen sind immer auch mehrheitlich gut eingestufte Spieler, die dann letztlich aber doch nicht gedraftet werden. Bei den besten nicht gedrafteten Spielern taucht auch unser Schweizer Daniil Ustinkov auf. Ja, es ist eine Überraschung, dass er rein gar nicht gedraftet wurde. Vor einem Jahr galt er noch als möglicher später Erstrundenpick. Im Verlaufe der Saison ist er in den Rankings immer weiter nach hinten durchgereicht worden und nach der U18-WM wurde er mehrheitlich «nur» noch als Draftpick für eine mittlere oder hintere Runde gehandelt. 

Die Trades:

Das Draftwochenende ist immer auch «High-Noon» betreffend Trades. Es gibt Franchises, die tauschen Spieler gegen Spieler oder Spieler gegen Draftrechte, Draftrechte wollen vielleicht verbessert werden: «Trade-Up», wird dies genannt und ja, all dies ist auch in diesem Jahr geschehen und zwei Schweizer, J.J. Moser und Akira Schmid waren mittendrin. J.J. Moser spielt neu in Tampa, ein Team, das auf hohem Niveau tendenziell auf dem absteigenden Ast ist und das Team verjüngen will, mindestens kurzfristig beurteile ich dies aber als Aufstieg für J.J. Moser und er wird mit Jon Cooper auf einen herausragenden Coach treffen. 

Akira Schmid wechselt nach Vegas, das seinerseits einen Goalie, Logan Thompson, zu Washington getradet hat. Vegas hat bereits vier Goalies unter Vertrag, Akira Schmid seinerseits ist noch vertragslos. Falls ihn die Golden Knights unter Vertrag nehmen, was nach dem Trade zu erwarten ist, dann wird Akira Schmid die Saison in der internen Goaliehierarchie als die Nummer 3 oder 4 starten.

Die hard facts des NHL-Drafts:

89 Kanadier, 39 US-Amerikaner, 26 Russen, 22 Schweden, 18 Finnen, 13 Tschechen, 4 Norweger, 4  Schweizer, 3 Belarussen, 3 Letten, 2 Österreicher, 2 Slowaken, 1 Slowene. Dies die Bilanz. Es fehlen die Deutschen, kein deutsches Talent wurde in diesem Jahr gedraftet. Halten wir uns vor Augen, dass sich vor allem Erstrundenpicks in der NHL festbeissen, dann schaut die Bilanz wie folgt aus: 18 Kanadier, 4 US-Amerikaner, 4 Russen, 2 Finnen, 2 Norweger, 1 Tscheche, 1 Belarusse.

Es fehlen die Schweizer und selbstredend die Deutschen, es fehlen aber auch die Schweden. Dies ist gemäss meiner Vorhersage im letzten Blog keine Überraschung, aber betreffend die Schwedenausbeute in der Neuzeit des Drafts schon fast eine Sensation. 

Ende Juli beginnen die Camps unserer Juniorenauswahlteams in Davos und wir von Central Scouting NHL mussten bereits im April erste Ranglisten für den Draft 2025 abliefern. Scouting ist ein Ganzjahresjob, I love it!

Thomas Roost ist seit 1996 NHL-Scout für den Central Scouting Service und verfolgt die beste Liga der Welt hautnah.
Für MySports ist Roost als NHL-Experte & Co-Kommentator im Einsatz.
In seiner wöchtenlichen Kolumne «Roosts Ramblings» schreibt er über Themen aus der NHL und der grossen Hockey-Welt.

https://www.thomasroost.com I Twitter: @thomasroost

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