Das Glücksspiel der richtigen Saison-Prognose

MySports-Experte Ueli Schwarz nimmt in seinem neuen Blog «Schwarz oder doch Wiis?» das aktuelle Geschehen der National League wöchentlich genauer unter die Lupe. Zum Start gibt Ueli seine Saison-Prognosen für die CHL-Teilnehmer Genf, Biel & Rappi ab. 

6 richtige aus 42 treffen? Könnte ich das, wäre ich Millionär! Bei der mir gestellten Aufgabe für die 14 NL-Teams eine Prognose über deren Klassierung nach der Regular Season 23/24 zu machen, kommt mir das fast gleich schwierig und Millionär kann ich damit auch nicht werden… Ich wage es trotzdem.

Bestens besetzte Kader mit hervorragenden Imports und Coaches sind vielen volatilen und unberechenbaren Faktoren ausgesetzt. Während Meister Servette nicht schlechter werden will, schreiben sich 13 Teams auf die Fahne besser zu werden. Mit Lausanne, Bern, Lugano, Zug, Fribourg und dem ZSC sind durchaus potente Clubs darunter… 
10 Teams würden es als Enttäuschung werten, nach 52 Spielen nicht in den Top 6 zu landen. 4 werden es aber nicht schaffen und versuchen, sich mindestens via die Play-In`s (neues Format auf diese Saison hin) noch für die Viertelfinals im Frühling zu qualifizieren. Selbst das gelang in den vergangenen 2 Saisons Bern und Lausanne nicht…
Die 4 weiteren Teams wollen sich wohl in erster Linie für die Play-In`s qualifizieren. Also balgen sich letztlich wohl 8 Teams um diese 4 Plätze. Auch hier werden es 4 Teams nicht schaffen…

Ich versuche mich der Vergleichbarkeit und der Plausibilität geschuldet auf folgende Elemente pro Club zu fokussieren: Torhüter, Verteidigung, Offensive, Ausländer, Kadertiefe, Coaching Staff und Umfeld 
Bei jedem Club lassen sich offene Fragen finden, die letztlich den Saisonverlauf bestimmen können. Zudem sind Faktoren wie Pech, Glück, Verletzungen, Krankheiten und Formschwankungen nicht prognostizierbar, können aber sehr entscheidend sein..

Anbei mein Versuch, diese Elemente vor der Saison zu beurteilen und daraus pro Team eine Prognose zu wagen nach dem Motto «erstens kommt es anders, zweitens als man denkt». 

HC Genève Servette

Torhüter: Das war letztes Jahr die grosse Komponente beim Gewinn des Meistertitels. Die Lösung mit dem verletzungsanfälligen Descloux und dem in Davos und Langnau unglücklichen Mayer war deutlich besser als angenommen wurde. Die Erwartungshaltung ist gestiegen, aber auch das Vertrauen des Goalieduos.

Verteidigung: Ein sehr guter Tömmernes ging und ein sehr guter Lennström kommt – auf dem Papier ein guter Ersatz. Es wird aber wohl dauern, die Aura und die Präsenz des Vorgängers in Kürze wettzumachen. In Anbetracht der Doppelbelastung Liga und CHL und aufgrund möglicher Sperren, Verletzungen und Krankheiten ist das Kader doch (zu) dünn besetzt.

Offensive: Mit Manninen kommt ein Top-Spieler nach Genf, der Omark mehr als ersetzt, weil er ein kompletterer Spieler ist. Maillard ersetzt Smirnovs und die Mittelachse ist im hochedlen Kader das Prunkstück (Manninen, Filppula, Pouliot, Maillard, Richard und ev Jooris). Zudem sind die Flügelpositionen mit Rod, Bertaggia, Hartikainen, Winnik und Praplan ebenfalls sehr hochkarätig besetzt.
Ausländer: Das Sextett Lennström, Vatanen, Hartikainen, Filppula, Winnik und Manninen ist auf dem Papier erneut überragend.

Kadertiefe: Wenn es im Servette Kader Fragezeichen gibt, dann diesbezüglich. Der wunde Punkt ist die Verteidigung. Zudem würde man bei langen Verletzungen im Ausländerbereich wohl zum Handeln gezwungen.

Coaching Staff: Die Crew hat nach sehr starken 1.5 Vorsaisons den Club zum Meister gemacht! Eindrücklich: Es gab eine Delle in Form der verlorenen PrePlayoffs 21/22 und daraus schöpfte die Crew enormen Lerneffekt und Motivation. Das spricht sehr für die Crew (und auch für das Team).

Umfeld: Die ehrgeizigen Ziele wurden mit entsprechenden Investitionen und einer gradlinig konsequenten Politik erreicht. Das sind nun neue Standards, die es zu halten gilt. Alles, was nicht der Titel ist, wird ein Rückschritt sein – eine neue Ausgangslage. Es wird spannend zu verfolgen, wie das Umfeld reagiert, falls es einmal weniger rund läuft.

Mögliche leistungshemmende Faktoren: Ein amtierender Meister hats immer schwierig, weil die Erwartungshaltung intern und extern enorm hoch ist. Ausserdem hat fast das halbe Kader einen auslaufenden Vertrag, was immer zu Unruhen führen kann.

Mein Tipp für die Regular Season: Ich erwarte keinen Durchmarsch analog letzter Saison, aber letztlich eine Top 4 Rangierung die Richtung Titelverteidigung eine solide Ausgangslage bilden wird.


EHC Biel-Bienne

Torhüter: Mit Säteri und dem wieder genesenen VanPottelberghe steht ein «Luxusduo» - wohl das Beste der ganzen Liga - zur Verfügung. Ein geschicktes Handling der NL- und CHL-Belastung wird notwendig sein, um aus dem Luxus auch das Beste herauszuholen. Aufgrund der 7 (8) unter Vertrag stehenden Ausländern ergeben sich personell viele Varianten für den Coaching Staff. 

Verteidigung: Burren ersetzt als ersten Schritt der Verjüngung des Kaders Schneeberger und Pokka den schwer verletzten und fraglichen Lööv. Die zuletzt funktionierende Rollenverteilung bleibt also für ein weiteres Jahr grundsätzlich bestehen. Da mit Rathgeb, Grossmann und Forster drei CH-Verteidiger fortgeschrittenen Alters auslaufende Verträge haben, wird interessant sein, wie Stampfli, Delémont und Christen sich eine Chance erarbeiten und wie sie sie nutzen werden. Die drei haben die Chance, sich für die Zukunft aufzudrängen. Sollte der wichtige Lööv zurückkehren können, ist die Verteidigung für den 2. Teil der Saison sehr gut, erfahren und tief besetzt.

Offensive: Eine der besten Offensiven der letzten Saison bleibt praktisch unverändert. Dank der gut verlaufenen letzten Saison kann sich der Club leisten, mit dem noch sehr jungen Heponiemi ein Juwel als zusätzlichen Import zu beschäftigen. Sein Spiel mit Scheibe auf allen Sturmpositionen ist sehr hoch eingestuft. Das schafft Optionen für die CHL und auch für den Fall, dass Säteri pausiert oder andere Ausländer ausfallen würden. Viele Verträge werden auslaufen und es wird spannend zu verfolgen, wie sich das auswirken wird. Mit Derungs, Reinhard und Reichle stossen drei interessante Zukunftsspieler dazu. Junge, die sich als Optionen aufdrängen, werden hoffentlich positive Energie entfachen und für den nötigen Druck auf arrivierte Kräfte sorgen. 

Ausländer: Mit Yakovenko und dem Defensivspezialisten Pokka (evtl. später Lööv) stehen unterschiedliche Profile für die Gesamtstruktur der Verteidigung sehr wichtige Akteure zur Verfügung. In der Offensive werden die bewährten Rajala, Sallinen und Olofsson neu vom Juwel Heponiemi ergänzt. Das Handling der Einsätze wird herausfordernd, aber gut gemacht, kann sich das als grosses Plus erweisen.

Kadertiefe: Ein grosses Plus für Biel – man ist gerüstet für viele Spiele und allfällige Ausfälle. Es gibt sowohl in der Verteidigung als auch im Sturm einige jüngere Spieler, die sich nun von ihrer besten Seite zeigen und sich für die einsetzende Verjüngung empfehlen können.

Coaching Staff: Ein neues Buch wird eröffnet und geschrieben. Mit Matikainen und Vuori kommt ein neues Duo, das mit Klagenfurt Kontinuität bewiesen und jeweils auch in den Playoffs durchaus erfolgreich unterwegs war. Sie haben dort auch CHL-Erfahrung gesammelt, Umbrüche im Team orchestriert und eigene Junge via Farmteam zur Reife geführt. Matikainen gilt als guter Motivator und fordernder Chef, der sein Team aktiv und spielbestimmend spielen lässt. Vuori ist eher der technisch-taktische Lenker. Für das, was in Biel ansteht, hat das Duo einen CV, das passt. 

Umfeld: Clubintern ist man sich bewusst, dass letzte Saison nahezu optimal verlief und dass eine solche Saison auch aufgrund des Trainerwechsels und der anstehenden Verjüngung nicht selbstverständlich wiederholbar ist. Die Zielsetzung Top 6 sowie die gleitende Einleitung der Verjüngung bilden die Ausrichtung.

Mögliche leistungshemmende Faktoren: Es gibt einige Faktoren, die gut gemeistert sein müssen! Das beliebte und erfolgreiche Trainerduo muss ersetzt werden und die Konfrontation mit hohen externen Erwartungen stellen Challenges dar. Die externe Erwartungshaltung in Biel ist nicht kleiner geworden. Jeder Trainerwechsel braucht seine Zeit. Mit der CHL steht eine physische und mentale Mehrbelastung an. Die Importsituation verlangt ausserdem ein geschicktes Handling. Dass 17 Verträge auslaufen, kann durchaus zu Irritationen führen und wird von der sportlichen Leitung Geschick verlangen. 

Mein Tipp für die Regular Season: Die Top 6 sind aufgrund des Kaders realistisch. Der Grat ist aber schmal und es gibt im Gegensatz zum souveränen Vorjahr mehr als genug neue Herausforderungen zu meistern. Im besten Fall kann Biel wieder in die Top 4 kommen, aber im schlechteren Fall auch in den Play-In`s landen.
 


SC Rapperswil-Jona Lakers

Torhüter: Mit Nyffeler/Meyer ein bewährtes Duo - auch Meyer hat gezeigt, dass er NL-Goalie kann. 
Nyffeler war die klare Nummer 1. Nun kommt die CHL dazu und die Lakers werden ein cleveres Rotationsprinzip anwenden müssen, sodass Nyffeler genug, aber nicht zu viele Einsätze als Startgoalie hat.

Verteidigung: Die Verteidigung ist für die NL gut ausbalanciert, hat Entwicklungspotenzial und auch in der Tiefe solid besetzt! Hinter den 2 Imports ist die Hierarchie flach und um die Rollen wird es ein Gerangel geben … Die Abgänge der "altgedienten Sataric/Profico" wurden mit den NL erprobten und jüngeren Colin Gerber & Grossniklaus ersetzt. Zudem kommt mit Capaul ein Rohdiamant dazu. Nebst den Imports wird wohl Aebischer (mit auslaufendem Vertrag) eine tragende Rolle haben. Wer wird sich als #4/5 etablieren?

Offensive: Dass die Lakers neben den beiden ausländischen Verteidigern auf 5 Imports im Sturm setzen, setzt ein Zeichen! Einerseits, dass man gewillt ist, wieder vorne mitzuspielen, aber anderseits auch, dass man gelernt hat, wie schwierig es ist, im Laufe der Saison adäquate Verstärkungen zu holen, wenn die Verletzungshexe zuschlägt ... Cervenka ist wie eh eine Bank und ein Glücksfall für die Lakers. Schroeder/Jensen haben sich trotz Ausfällen ebenfalls bewährt. Nun kommt mit Rask ein Mann dazu, der in Fribourg eher ein wenig underperformt hat – vor allem in Sachen Scoring. Er ersetzt mit Rowe einen sehr wichtigen/zuverlässigen/selbstlosen Zweiwegstürmer. Der NHL- und NL-erprobte Connolly hat gezeigt, dass er in der NL weiss, wo das Tor steht.... Die 5 Stürmer werden dem Team den Stempel aufdrücken. Dazu gibts mit Albrecht, Moy zwei wichtige spielbestimmende CH-Stützen. Spieler wie Wetter, Dünner, Forrer, Wick, Lammer und Zangger haben sich alle prächtig entwickelt bei den Lakers und sich ebenfalls zu soliden Stützen hochgearbeitet. Das allein ergibt eine erprobte und gute Kadertiefe. Alge, Taibel und Cajka werden aber Druck auf die bisherigen Arrivierten machen - wer kann sich welche Rolle erspielen? Für gesunden Konkurrenzkampf ist gesorgt.

Ausländer: Sieben – auf dem Papier und in der bisherigen Tat überzeugende Ausländer deuten die Ambitionen der Lakers an, zeigen auf, dass man die Zusatzbelastung der CHL ernst nimmt und ermöglichen dem Coaching-Staff interessante Varianten.

Kadertiefe: Sie scheint gut gerüstet für die Regular Season und die zusätzliche Belastung der CHL.

Coaching Staff: Bewährtes Team und Kontinuität! Die Erwartungshaltung ist weiter gestiegen und neu wird Hedlund täglich Aufstellungsentscheide (auch mit Arrivierten & Imports) treffen müssen. Wie reibungslos geht dieser Prozess vor sich?  

Umfeld: Die gute und solide Arbeit des Clubs und die erfreulichen Resultate der letzten Jahre führte erfreulicherweise zu steigendem Interesse und einer hohen regionalen Identifikation. Damit verbunden, steigt die Erwartungshaltung stetig an. Der Club ist aber ruhig und konsequent, mit einer konsequenten «Step by step»-Politik unterwegs und scheint geerdet, was selbst im Fall sportlich auch mal weniger guten Resultate nicht zu Turbulenzen führen wird.

Mögliche leistungshemmende Faktoren: Der GM wird viel mit auslaufenden Verträgen zu tun haben und dies kann kombiniert mit der Kadertiefe und häufigen Aufstellungsentscheiden zu Irritationen führen. 

Mein Tipp für die Regular Season: Die Lakers haben mich auch letzte Saison wieder positiv überrascht und sind erneut weiter vorne gelandet als erwartet. Dieser Trend wird irgendwann gebrochen, weil Teams wie Lugano, Lausanne, Bern, Zürich, Davos und Zug wohl kaum alle wieder hinter den Lakers landen werden. Ich tippe im best case auf Rang 5-6 oder im anderen Fall auf Rang 7-8.