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Artikel - Wachablösung: Der Beginn einer neuen Dynastie?

Colorado ist Stanley-Cup-Sieger. Der Weg von der Looser-Franchise zum Titelhalter war lange, steinig und brauchte einige mutige und gute Entscheidungen. Thomas Roost blickt auf den Weg zurück und fragt: Entsteht da eine neue Dynastie?

In der Saison 2016/2017 landete Colorado mit Abstand auf dem letzten Platz. Nachdem Joe Sakic in der Saison 2015/2016 die GM-Position übernommen hatte — das Team landete «immerhin» auf dem 21. Platz mit einem Punktedurchschnitt von 1.00 — stürzte die Lawine in der Folgesaison mit Abstand auf den letzten Platz ab und dies mit einem blamablen Punktedurchschnitt von nur gerade 0.59. Der No-Name-Coach Jared Bednar hat vom charismatischen, ehemaligen Weltklassegoalie, Patrick Roy, übernommen und das Resultat war desaströs.

Joe Sakic hielt aber zum Erstaunen vieler Experten an Bednar fest und erreichte in der Saison 2017/2018 überraschend die Playoff und einen 17. Rang im Overall-Standing. Ende Saison 16/17 verlangte der damalige Star im Kader der Avalanche, Matt Duchene, einen Trade mit der Begründung, dass er Stanley Cup Sieger werden wolle, und er sehe diese Perspektive in Denver nicht. GM Sakic hat sehr lange gezögert, resp. Geduld gezeigt, bis das richtige Angebot auf dem Tisch lag. Es war nach der Verpflichtung von Bednar als Headcoach sein zweites Meisterstück. Im Duchene-Dreiecks-Trade erhielt Colorado als Gegenwert Sam Girard, der sich zum Top-Verteidiger entwickelt hat und einen Erstrundenpick der in den Draft von Bowen Byram mündete, zudem erhielten die Avs noch fünf (!) zusätzliche so genannte «Minor-Assets», ein unglaublicher Gegenwert für Matt Duchene, ein wahres Meisterstück des Joe Sakic.

Die fehlenden Puzzleteile

Colorado hatte bereits ein Gerüst an jungen Topshots, bei denen sich abzeichnete, dass sie wichtige Bestandteile des Rebuilds sein werden (MacKinnon, Landeskog und Rantanen). 2017 zogen sie im Draft mit dem 4th Overall-Pick einen gewissen Cale Makar. Das Gerüst für den heutigen Erfolg war gelegt (MacKinnon, Landeskog, Rantanen, Makar, Byrom). Es galt aber noch, die passenden Ergänzungsspieler zu finden und auch diesbezüglich erwies sich Joe Sakic als Meister seines Fachs. Die Trades für Nazem Kadri und die Verpflichtung von Valeri Nichushkin im Sommer 2019 und Devon Toews im Herbst 2020 entpuppten sich aus heutiger Sicht ebenfalls als Schnäppchen.

Nichushkin, der in Dallas in 91 aufeinanderfolgenden Spielen 0 Tore erzielt hat und bei allen NHL-Franchises mehr oder weniger ausser Rang und Traktanden gefallen ist. In den diesjährigen Playoffs war der Russe mit seiner Wasserverdrängung ein Schlüsselfaktor der auch das Toreschiessen wieder gefunden hat. Wichtig war auch der Trade von Devon Toews, er kam von den New York Islanders, für zwei Zweitrundenpicks. Toews bildet aktuell das wohl beste Verteidigerpaar der Welt zusammen mit Cale Makar.

Es folgten zwei Saisons mit einer relativen Stagnation mit einem Punktedurchschnitt von 1.16 resp. 1.10 Punkten, ehe die Avs zum Spitzenteam reiften (1.31 und und 1.46 Punkte). Die Dominanz in der Regularseason konnten sie aber noch nicht in Playoff-Erfolge ummünzen, es wurde ihnen zu wenig Erfahrung und zu wenig Härte, zu wenig so genanntes «Heavy Hockey» unterstellt. Joe Sakic hat während dieser Zeit immer an Coach Bednar festgehalten, einmal mehr hat er Gelassenheit und Geduld bewiesen und dies wurde auch vom Besitzer der Avalanche Franchise gestützt.

Skills und Speed die Zukunft?

Stanley Cup Sieger sind – zu Recht oder zu Unrecht sei dahingestellt – immer auch kurzfristige Trendsetter. Was bedeutet dies, welchem Trend werden nun die anderen Teams folgen? Nach vier Jahren mit Stanleycupsiegern die tendenziell so genanntes «Heavy Hockey» zelebriert haben: «Eishockey mit grossen, stämmigen, kräftigen, schweren Spielern, mit grosser Kampfkraft und so genannter Kriegermentalität». Dies galt vor allem für St. Louis, mindestens ansatzweise aber auch für Tampa (siehe Besetzung in der Defense), hat sich jetzt mit Colorado ein Team durchgesetzt, das in erster Linie für Speed und Skills steht. Zudem ist es ein Team ohne überdurchschnittliches Goaltending. Dies eine Antwort zur These, dass man nur mit einem Top-Goalie Meisterschaften gewinnen kann.

Eine weitere These lautete: «Offense wins Games, Defense wins Championships». Auch diese These hat mit dem Gewinn der Colorado Avalanche einen Dämpfer erlitten. Die dritte These, die in diesen Playoffs nicht standhalten konnte: «Tampa wird die Finalserie gewinnen, weil sie wissen, wie man Stanley Cup Sieger wird und weil sie immer einen Weg finden, zurückzukommen.» Stimmt, aber halt nur fast. Und jetzt hat ein Team gewonnen, das gemäss These die Erfahrung fehlte, um eine Finalserie zu gewinnen. Wieso das? Meine banale Antwort: Colorado hatte das bestbesetzte Team, die besten Spieler, am meisten Skills und Speed. 

Letztlich aber gilt: Das Erfolgsrezept im Eishockey ist zum Glück extrem komplex und lässt sich kaum auf banale Thesen reduzieren. Dies meine persönliche Meinung zu diesen Diskussionen. Ich freue mich für Colorado, weil sie ein spektakuläres Hockey zelebrieren, vorwärts gerichtet mit Cale Makar, der offensive Risiken nehmen darf, ja sogar angewiesen ist, sie zu nehmen und auch Tampa, der Altmeister, ist ein Team mit Vorwärtsstrategie. Dies sind gute Vorzeichen für die Entwicklung des Eishockeys. Eishockey spielen wurde in einer kürzlichen Studie nach dem Boxen als zweitschwierigste Sportart definiert und genau so schwierig, so anspruchsvoll beurteile ich in der NHL – mit Salary-Cap – die Erfolgsformel als Franchise zu finden. Joe Sakic hat sie gefunden.

Die Zukunft:

Ich meine, dass der Titelgewinn der Avs eine Art Wachablösung sein wird. Die «fast» Dynastie Tampa (grossartig und vielleicht einzigartig was Tampa in der Cap-Aera geschafft hat, zweimal Champion plus grossartiger Finalist) wird abgelöst durch ein Team, das ebenfalls das Potenzial zur Dynastie hat. Ja, das Cap-Management wird auch für Colorado zur grossen Herausforderung, aber ich glaube trotzdem, dass sie in den nächsten Jahren immer zu den Top-Contendern gehören werden. 

  


Thomas Roost

Thomas Roost ist seit 1996 NHL-Scout für den Central Scouting Service und verfolgt die beste Liga der Welt hautnah.  Für MySports ist Roost als NHL-Experte & Co-Kommentator im Einsatz. In seiner wöchtenlichen Kolumne «Roosts Ramblings» schreibt er über Themen aus der NHL und der grossen Hockey-Welt.

https://www.thomasroost.com I Twitter: @thomasroost

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