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Artikel - Überstürzte Euphorie und Weltuntergangsstimmung: verfrühte Saison-Prognosen in der NHL

In der NHL besteht jeweils zu Beginn der Saison die Gefahr von verfrühten Prognosen. Frühstarter werden von Fans und Medien hochgejubelt, während Teams mit Startschwierigkeiten bereits abgeschrieben werden. Doch die «Wahrheiten» ändern fast wöchentlich.

Die NHL hat uns wieder, mit Haut und Haar. Die Spiele jagen sich Tag für Tag, immer frühmorgens verzaubern uns die Highlights der vergangenen Nacht und ich als Frühaufsteher, ziehe meistens noch die zweite Hälfte eines Westküstenspiels rein. Erste Resultate entzücken, erschrecken oder erstaunen uns und die Venusfalle der Aussenseitersiege resp. Favoritenniederlagen hat uns fest im Griff. 

Die Venusfalle, meistens irgendwie so interpretiert, dass ein Mann einer oberflächlich betrachtet attraktiven Frau verfällt, um dann von ihr so richtig um den Finger gewickelt zu werden. In der Botanik ist die Venusfliegenfalle eine fleischfressende Pflanze, die mit ihrem attraktiven Äusseren und Duft, Insekten anlockt, um sie dann regelrecht zu verspeisen… oder so ähnlich. 

Ungefähr so erlebe ich Saison für Saison die aktuelle Jahreszeit in der NHL. Frühstarter werden von den Medien und Fans hochgejubelt und Langsamstarter bereits abgeschrieben. Analysen werden nach bereits wenigen Spielen präsentiert, die erklären sollen, wieso das Team X in dieser Saison gut oder Team Y schlecht sei. Die Revolvermedien fordern bereits Trades, Coach- und GM-Wechsel und die Fans überschlagen sich in emotionalen Statements in den Social-Media-Gefässen und in den Fantasy Leagues gibt es in diesen Tagen die besten und schlechtesten Trades der gesamten Saison. 

Hier nun zu den konkreten Beispielen von überstürzter Euphorie, resp. Weltuntergangsstimmung:

Noch vor 2-3 Wochen hatten die Pittsburgh Penguins mit einem Traumstart nach nur wenigen Spielen 6 Punkte mehr als die schwach gestarteten New Jersey Devils. Die Experten überschlugen sich mit Erklärungen, wieso die Penguins auch mit ihrem alternden Kader noch immer so kompetitiv sind und wieso die jungen und leichtgewichtigen Devils noch nicht die Reife zum Playoff-Contender erlangt haben. Zwei Wochen später: Die Devils sind das Team der Stunde, reihen Sieg an Sieg und umgekehrt die Penguins? Niederlagenserie. Nur ca. 2 Wochen nach den ersten «Analysen» winken die Devils von ganz vorne in der Tabelle und haben im Vergleich zu den Penguins den 6-Punkte-Rückstand in einen 8-Punktevorsprung verwandelt! Nicht zu vergessen, bei diesem Vergleich, in der NHL gibt es bei einem Sieg nicht 3 sondern «nur» 2 Punkte. 

Zweites Beispiel:

Die Toronto Maple Leafs, neben der Colorado Avalanche meist genannter Favorit, sind mühsam in die Saison gestartet, gefolgt von einem schwachen Roadtrip mit dem Höhepunkt einer schon fast bizarren Niederlage gegen die Anaheim Ducks. Ich glaube in keiner Eishockeystadt sind die Medien derart hart und im Misserfolgsfall schon fast bösartig wie in Toronto: Der Unterhaltungwert der Kommentare, Köpferoll-Forderungen und das Fingerpointing war sensationell. Es war «klar»: Die Leafs sind ein verdorbenes, blutarmes, totes Team mit lauter Versagern auf dem Eis und in der Teppichetage. GM-Wechsel, Coachwechsel, Spielertrades wurden gefordert. Hierzu der Link zu einem sehenswerten und unterhaltsamen Podcast des schon fast legendären Leafs «Experten/Fan» Steve Dangle.

Na ja, nach dem enttäuschenden Roadtrip gegen vermeintlich schwache Teams wurden den Leafs in der Folge die bisher über erwarten gut klassierten Philadelphia Flyers, die dominanten Boston Bruins, Carolina Hurricanes und Vegas Golden Knights vorgesetzt… und es resultierten 3 Siege und immerhin ein Punkt gegen Vegas und dies mit zu guten Stücken dem Goalie Nr. 3 (Källgren), weil die Nummern 1 und 2 (Samsonov und Murray) verletzt sind. So schnell ändern sich die NHL-Zeiten zu dieser Jahreszeit. 

«Wahrheiten» wechseln fast wöchentlich

Aktuell sprechen alle von den New Jersey Devils und die Ottawa Senators befinden sich mal wieder im Jammertal. Es würde mich nicht wundern, wenn in den nächsten 2-3 Wochen die Devils Siege spürbar seltener werden und Ottawa zu einigen begeisternden Siegen ansetzt. Wetten? Nein, auf keinen Fall. Die NHL-Saison ist noch viel zu jung für kurzfristige Prognosen und exakt auch darum liebe ich dieses Spektakel über alles. «Wahrheiten» wechseln fast wöchentlich und am Ende des Tages finden wir alle immer Beispiele, die unsere «Wahrheit», unsere Meinung stützen und somit sind alle happy; so soll es auch sein. Erfreue dich ab der Schönheit und der Anmut der Venusfalle, aber tappe nicht hinein! Enjoy the NHL – die beste Liga der Welt! 

  


Thomas Roost

Thomas Roost ist seit 1996 NHL-Scout für den Central Scouting Service und verfolgt die beste Liga der Welt hautnah.  Für MySports ist Roost als NHL-Experte & Co-Kommentator im Einsatz. In seiner wöchtenlichen Kolumne «Roosts Ramblings» schreibt er über Themen aus der NHL und der grossen Hockey-Welt.

https://www.thomasroost.com I Twitter: @thomasroost

ROOST RAMBLINGS – 
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