
Text von Thomas Roost, Fotos zvg/NHL
Profil eines NHL‑GMs: Analytics, Leadership & Zukunfts
Die Eishockeygemeinschaft ist konservativ. Neue Erkenntnisse benötigen länger, um salonfähig zu werden. Lange Zeit war Eishockey – und ist es in weiten Kreisen in Nordamerika und in Europa noch immer – ein «good buddy business», so quasi nach dem Motto, ich habe da einen guten Kollegen oder Freund, der diesen Job auch machen könnte… Wenn es darum geht, eine GM-Position im Eishockeybusiness eine GM-Position zu besetzen gilt zudem noch immer die Killerargumentfrage: «Did he play?... aber immer weniger.
Nico Hischiers New Jersey Devils verpflichteten in der letzten Woche Sunny Mehta als GM. Kyle Dubas ist für das Playoffwunder der Pittsburgh Penguins mitverantwortlich, Eric Tulsky ist der Chef der Carolina Hurricanes welche die Regular Season mit dem 2. Platz abgeschlossen haben und John Chayka, der ehemalige GM der Arizona Coyotes, gilt bei jeder zu besetzender GM-Positon als aussichtsreicher Kandidat. Was haben diese Superhirnis alle gemeinsam? Sie waren nie professionelle Eishockeyspieler, falls überhaupt. Sunny Mehta ist Analytiker und hat eine Vergangenheit als professioneller Pokerspieler sowie in der Musik und im Finanzwesen. John Chayka hat einen Abschluss in Betriebswirtschaft und war einer der Pioniere in der Hockeyanalytics. Kyle Dubas hat Sportmanagement studiert und arbeitete als Scout und später als Agent. Eric Tulsky ist Wissenschaftler (Chemie-PhD), kam als Teilzeitanalyst zur NHL und arbeitete sich hoch. Alle vier sind typische Vertreter der «neuen Generation» von NHL-GMs.
Die Analytics haben Einzug gehalten in die Teppichetagen. Alle NHL-Franchises beschäftigen mittlerweile zahlreiche vollamtliche Analytiker, geführt werden sie aber noch immer mehrheitlich von tendenziell «old school GMs», welche die Berichte der Analytiker gerne lesen, in (zu) vielen Fällen die Akten dann aber schubladisieren und Entscheidungen noch immer eher nach Gefühl und Erfahrung und weniger nach Datenlage treffen. Spezialisierungen sind an der Tagesordnung. Spezialisten für Off-Ice-Training, für Ernährung, für Analytics, für Powerplay, für Boxplay, für Mentaltraining, für die Skillsentwicklung, für Juniorenscouting für Profiscouting, für Kommunikation, Mathematiker für die Salarycapanalysen und «you name it». Oft werden dann aus diesen Spezialistengruppen die künftigen GMs bestimmt, aktuell sind vor allem die Analytics-Typen hoch im Kurs, was die vier von mir erwähnten Beispiele indizieren. Ich denke, diese Spezialisierungen sind einerseits ein Segen und andererseits ein Fluch. Der Segen besteht darin, dass in den einzelnen Disziplinen spezialisierte Topshots am Werk sind und entsprechende Qualität abliefern. Der Fluch ist, dass Spezialisten kein eigentlicher Nährboden für eine GM-Position sind. Als GM sind in der Zukunft eher Generalisten gefragt, die möglichst Erfahrung aus verschiedenen der genannten Disziplinen sowie auch Führungserfahrung mitbringen oder mindestens eine hoch entwickelte Empathie für alle diese Aufgaben und für unterschiedliche Menschen sowie eine grosse Lernbereitschaft. Neugier und Offenheit für neue Erkenntnisse und Entwicklungen, eine Affinität für die Analytics und Mut, neue Wege zu beschreiten sowie auch unpopuläre Entscheidungen treffen zu können. Dies das Idealprofil für zukünftige NHL-GMs.
Die Frage nach «did you play?» wird immer mehr obsolet, was nicht heisst, dass es ein Nachteil ist, ein ehemaliger Profispieler gewesen zu sein, aber es ist nicht mehr die dominante Kernkompetenz wie es jahrzehntelang zu sein schien. Ich freue mich sehr auf die neue Generation der NHL-GMs, verneige mich vor der Kompetenz von Kyle Dubas und Eric Tulskys und bin zuversichtlich, dass Sunny Mehta die Devils wieder auf die Erfolgsspur bringen kann. Persönlich habe ich aber den grössten Respekt vor so genannten Hybrid-GMs, welche eine smarte Balance finden zwischen allen relevanten Puzzleteilen und auch grossen Wert auf die Zusammenarbeitskultur legen sowie ein Gefühl entwickeln welche Spezialistenstimmen bei welchen Entscheiden sie wie gewichten sollen. Jim Nill, Dallas Stars (er ist ein ehemaliger NHL-Spieler) und Julien Brisebois (ein ehemaliger Jurist) gehören neben anderen in diese Kategorie. Ich denke die Zukunft gehört GMs wie ihnen, fachlich gut ausbalanciert, neugierig, sich als ewige Stundenten verstehend, Allrounder und mit hoch entwickelten sozialen Skills für den Umgang mit Menschen mit unterschiedlichem «Background» und unterschiedlichen Meinungen.