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Artikel - NHL-Draft-Analyse: Gewinner und Verlierer

Der NHL-Draft 2022 ist Geschichte. Aus Schweizer Sicht zieht Thomas Roost es trotz Erstrunden-Draft Lian Bichsel eine ernüchternde Bilanz.

Ach, wie waren diese zwei Drafttage aufregend. Im Vorfeld und auch während des Drafts mit den Trades, vor allem am Tag 1. Montreal als Gastgeber mit dem Nr.1 Overall-Pick, eine bessere Affiche gab es noch nie. Ergo: Noch nie war die Stimmung im Publikum derart engagiert und leidenschaftlich. Montreal ist definitiv Hockeytown und dieser Draftevent zeigte eindrücklich wie faszinierend das nordamerikanische Profisportsystem sein kann mit dem Draft, mit den Trades, mit dem Salary Cap. Die Fans der sportlich am Boden zerstörten Montreal Canadiens die das Tabellenende zieren, waren fröhlich, ausgelassen, euphorisch, voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft!

Einige generelle Beobachtungen:

Neue Drafttendenzen erkenne ich kaum. «Best player available» in den ersten zwei Runden ist nach wie vor die Mehrheitsstrategie. Draften «according to the need» in den späten Runden. Goalies werden eher in der zweiten Hälfte gezogen. Von den 20 Goalies wurde keiner ein Erstrundenpick und nur zwei gingen in der zweiten Runde «über den Tisch». Alle anderen 18 Goalies waren 4. – 7. Rundenpicks.

Nach wie vor sind die gedrafteten Goalies riesengross. 15 der 20 Torhüter sind grösser als 190cm und der kleinste Goalie, der Russe Ivanov, ist 180cm. Klein gewachsene, aber spiel- und laufstarke Verteidiger werden öfters und früher gedraftet als noch vor 5-10 Jahren (Casey 178cm 79kg und Hutson 173cm 72kg, beide wurden in der zweiten Runde gezogen). Um als Verteidiger ein Erstrundenpick zu werden ist aber die Körpergrösse nach wie vor ein Vorteil, auch unser Lian Bichsel hat davon profitiert. Das hünenhafte Verteidigerbollwerk der in den letzten Jahren sehr erfolgreichen Tampa Bay Lightning hinterlässt nachhaltige Spuren.

Aufgrund der unsicheren Situation mit russischen Spielern werden Russen später gezogen als ihre Qualität es erahnen liesse. Insgesamt wurden aber doch 23 russische Spieler gedraftet. Yurov (24th overall) und Miroshnichenko (20th overall) wären unter normalen Umständen klare Top10-Picks gewesen. Ok, bei Miroshnichenko kamen noch gesundheitliche Komplikationen mit dazu. 

Schweiz/Deutschland/Oesterreich:

Lian Bichsel täuscht über vieles hinweg. Mit nur einem einzigen Draftee müssen wir das Overall-Resultat beim Namen nennen: Ein Debakel für ein Hockeyland mit unseren Ansprüchen. 89 Kanadier wurden gezogen, 48 US-Amerikaner, 27 Schweden (davon 4 Erstrundenpicks, 3 dieser Erstrundenpicks stammen aus der Talentschmiede Djurgardens Stockholm IF, hinzu kommt von Djurgardens IF noch ein Zweitrundenpick!), 23 Russen, 14 Finnen, 9 Tschechen, 6 Slowaken, 3 Letten, 2 Oesterreicher, 2 Deutsche und nur je 1 Spieler aus der Schweiz und Belarus.

Die Argumente mit der Anzahl lizenzierter Junioren in anderen Ländern ziehen da längst nicht mehr. Ich verzichte jetzt für einmal auf eine konkrete Gegenüberstellung. Ist dieses schlechte Resultat ungerecht? Habe ich persönlich mehr Schweizer erwartet? Nein, nicht wirklich, nur Rodwin Dionicio war für mich noch ein wahrscheinlicher Late-Round-Pick. Bei allen anderen Kandidaten war ein Nichtdraft keine wirkliche Ueberraschung. Bei Deutschland hätte ich Stürmer Luca Hauf und Goalie Simon Wolf noch als Spätrundenpick gesehen, aber bei Deutschland scheint die Herrlichkeit der Zeiten von Seider, Stützle & Co. mindestens unterbrochen zu sein. Der deutsche Zweitrundenpick Julian Lutz gefällt mir persönlich aber sehr gut und hätte er nicht wegen einer Verletzung in der letzten Saison lange Zeit aussetzen müssen, so hätte er sogar die Chance gehabt, vielleicht ein ähnliches Draftresultat wie Lian Bichsel zu erreichen. Ein für ihre Verhältnisse sehr gutes Draftresultat erzielte Oesterreich mit dem Top-Pick Marco Kasper (Detroit Red Wings) und dem Drittrundendraft Vinzenz Rohrer (Montreal Canadiens), Respekt!

Persönlich:

Ich will an dieser Stelle auch noch eine persönliche Note mit ins Spiel bringen. Die Leserinnen und Leser sollen die Chance haben, mich kritisieren zu können:
Welche Spieler hätte ich persönlich früher gedraftet, wer war bei mir die Nr.1? In einem früheren Bericht habe ich geschrieben, dass Shane Wright bei mir die Nr.1 gewesen wäre, allerdings mit einem mulmigen, unsicheren Gefühl im Magen. Yurov (24. Pick), Kemell (17) und Miroshnichenko (20) lagen bei mir in den Positionen zwischen 5 bis 10, Kulich (28) hatte ich bei 15 bis 20. Howard (31) war bei mir ca. 20. Zweitrundenpick Chesley (37), hatte ich als späten Firstrounder auf meiner Liste, Odelius als Nr. 65 war bei mir um die 30, die erwähnten beiden klein gewachsenen US-Verteidiger Casey, (Nr. 46) und Hutson (Nr. 62), lagen bei mir zwischen 25 und 35.

Um die DACH-Region noch einmal anzusprechen: Wie gesagt, Dionicio war bei mir ein 7. Rundenpick. Luca Hauf, der Deutsche, 6. Runde und Simon Wolf, der deutsche Goalie 7. Runde. Dies so in etwa die grössten Unterschiede zwischen meinem persönlichen Ranking. Wo ich und wo die NHL-Teams richtig und falsch gelegen sind, dies werden wir erst in ca. 5 Jahren wissen.

Persönlich mag ich auch den Maple Leafs Pick 38, Fraser Minten, ein Spieler mit hoch interessantem Profil, ein aussergewöhnlicher Typ.

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Die Gewinner, die Verlierer:

Wer sind die Gewinner und Verlierer in diesen aufregenden NHL-Tagen? Ich berücksichtige bei dieser Bewertung auch die getätigten Trades:

Die Gewinner:
Die Montreal Canadiens hatten dank den guten Draftrechten die beste Ausgangslage und haben diese Ausgangslage auch mehr oder weniger gut genutzt und zudem mit aggressiven Trades auf sich aufmerksam gemacht. Ich beurteile diese Trades tendenziell ebenfalls als ziemlich gut. Die New Jersey Devils hatten mit nur 2 Picks in den Top 102 eine anspruchsvolle Ausgangslage und haben diese aus meiner Sicht aber mit den spielstarken Verteidigern Nemec und Casey sehr gut gemeistert. Die Minnesota Wild haben sich mit Oehgren und Yurov zwei sehr talentierte Forwards in der ersten Runde gesichert und ich bin der Meinung, dass wenn man Yurov mit der 24 draften kann, dann gehört man zu den Gewinnern.

Seattle mit dem Draftrecht Nr. 4 Shane Wright und mit der 35 Jagger — was für ein Name — Firkus finde ich auch besser als sie haben erwarten dürfen, darum zähle auch ich auch Seattle zu den Gewinnern. Auch die Picks der Columbus Blue Jackets mag ich ziemlich gut. Toronto gehört für mich zu den unauffälligen Gewinnern. Im Mrazek Trade ist es GM Dubas gelungen, wichtigen Cap-Space zu generieren, dieser Trade ist allerdings auch irgendwie ein Eingeständnis dafür, dass die seinerzeitige Verpflichtung von Mrazek ein Fehler war. Trotzdem, ein unspektakulärer Gewinn für die Maples Leafs auf einem Nebenschauplatz und wie bereits an anderer Stelle erwähnt: Mir gefällt der Pick Nr. 38, Fraser Minten.

Die Verlierer:

Chicago Blackhawks. Die Blackhawks haben sich mit den Trades von DeBrincat und Dach definitiv als Rebuildteam «geoutet», mit den Blackhawks ist in absehbarer Zeit nicht mehr zu rechnen. Ich bin auch der Meinung, dass der Tradegegenwert eher dünn ist für die eben genannten Spieler. Im Draft hatten sie drei Firstroundpicks und mit Korchinski 7 und Nazar 13 war das Resultat unauffällig, solide.

Hingegen stand bei mir die Nr. 25 Rinzel weiter hinten im Ranking. D.h. auch im Draft haben für mich die Blackhawks leicht enttäuscht. Auch Colorado gehört zu den Verlierern der letzten Tage. Dies ist allerdings alles andere als überraschend, hatten sie doch nur Picks in der 6. und 7. Runde. Dies ist eben der Preis für frühere Trades, die sie verwendet haben, um ihr NHL-Teams kurzfristig besser zu machen, was ihnen auch eindrücklich gelungen ist. 

  


Thomas Roost

Thomas Roost ist seit 1996 NHL-Scout für den Central Scouting Service und verfolgt die beste Liga der Welt hautnah.  Für MySports ist Roost als NHL-Experte & Co-Kommentator im Einsatz. In seiner wöchtenlichen Kolumne «Roosts Ramblings» schreibt er über Themen aus der NHL und der grossen Hockey-Welt.

https://www.thomasroost.com I Twitter: @thomasroost

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