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Artikel - Junioren U20-WM: Im Westen nichts Neues

Viertelfinal-Aus gegen Kanada und nur ein Sieg in fünf Spielen. Die Bilanz der Schweizer U20 an der Weltmeisterschaft in Edmonton ist ernüchternd. Und leider sieht die Zukunft nicht besser aus. Ein düsteres Bild malt Thomas Roost in seiner neusten Kolumne und fordert mutige Projekte.

«Im Westen nichts neues!». Im gleichnamigen Roman von Remarque stirbt die Hauptfigur Paul Bäumer in einer ruhigen Phase gegen Ende des 1. Weltkriegs. Im Heeresbericht stand dazu geschrieben: «Im Westen nichts Neues». Dies der Brückenschlag zum Schweizer Abschneiden an der U20-WM. 

Die WM war gekennzeichnet durch enttäuschende Zuschauerzahlen, viel zu ruhige Stadionatmosphären und durch die Tatsache, dass sich einmal mehr kein Team ausserhalb der so genannten «grossen 6» für die Halbfinals qualifzieren konnte und dies obwohl Russland nicht mit dabei war. Die einzigen Ueberraschungen waren der Viertelfinalsieg Tschechiens gegen die USA und der Letten-Sieg gegen Tschechien in den Gruppenspielen. Kanada, Finnland und auch Schweden schafften mehr oder weniger locker und mit angezogener Handbremse das Halbfinale. Darum der Vergleich mit dem erwähnten Roman «Im Westen nichts Neues», die WM wurde ja im Westen Kanadas in Edmonton und Red Deer ausgetragen.

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Die Schweiz als unsere Hauptfigur wurde mit ihren tapferen aber wenig talentierten Auftritten von der internationalen Hockeypresse kaum erwähnt und schon gar nicht gewürdigt. Ihr mageres Abschneiden wurde – wie der Tod des Paul Bäumer in Remarques Roman - kaum zur Kenntnis genommen. «Im Westen nichts Neues», leider auch aus Schweizer Sicht. Die Schlagzeilen gehören den Kanadiern, vor allem dem erst 16-Jährigen Connor Bedard. Bei ihm streiten sich die Experten, ob er ein Generationentalent ist oder «nur» ein überdurchschnittlicher 1st-Overall-Pick. Auch der «Oltner» Mason McTavish schaffte es mit seinen dominanten Auftritten in die Schlagzeilen. Wenn McTavish auf dem Eis stand, wähnte man oft einen Mann unter Kindern spielen zu sehen. Im Spiel gegen die Schweiz haben aber weder Bedard noch McTavish ihre beste Leistung abgerufen, es war auch nicht notwendig.

Fehlende Klasse

Zurück zu den vielen, leider aber nicht überraschenden, Niederlagen der Schweizer: Nein, es hat nicht am mangelnden kämpferischen Willen, nicht an der mangelnden Aufopferungsbereitschaft und auch nicht am Coachingstaff oder den Spielstrategien gelegen. Der Grund für die vielen Niederlagen liegt schlicht und einfach an der mangelnden individuellen Klasse unserer Spieler, die niederschmetternden Draftresultate in den letzten Jahren kommen nicht von ungefähr.

Erschreckend war die diesbezüglich fehlende Ueberlegenheit gegen ein krass dezimiertes Deutschland (bei Deutschland fehlten die sechs besten Spieler) und ein bescheidenes Oesterreich (bei Austria fehlten mit Kasper und Rohrer die zwei besten Spieler und sie stellen mit Reinbacher und Scherzer zwei Talente für den nächsten Draft die ich auf Schweizer Seite heute noch nicht sehe…), während bei uns «nur» Lian Bichsel als unbestrittener Anker in der Defense fehlte. Ja, die Niederlagen gegen die Grossen waren teilweise resultatmässig knapp, aber das gilt auch für die anderen Kleinen, diese resultatmässig knappen Niederlagen heben uns im Vergleich mit Lettland und Deutschland  nicht ab. Den Letten gelang sogar ein Sieg gegen Tschechien. Zu beachten gilt es ebenfalls, dass bei den grossen Nationen nur die Finnen mit der bestmöglichen Auswahl angetreten sind. Bei USA, Kanada, Schweden, Tschechien und der Slowakei haben sehr viele Spieler gefehlt, die zu den besten in diesen Jahrgängen gehören. Zurück zur Schweiz: Auf U18-Stufe gab es jüngst für unsere Jungs eine 0-14-Klatsche (0-8 nach dem ersten Drittel) gegen Kanada.

Die Basis muss besser werden

Brutales Fazit: Unsere Junioren auf U18-U20-Stufe sind aktuell nicht kompetitiv genug, um von den Topnationen richtig ernst genommen zu werden. Dürfen wir dies einfach so hinnehmen und achselzuckend zur Tagesordnung übergehen mit dem Hinweis auf die quantitativ deutlich grösseren Talentpools in den grossen Nationen? Nein, dürfen wir nicht, denn erstens stellen die Deutschen (mit einer ähnlichen Anzahl Junioren) und die Slowaken (mit nur halb so vielen Junioren) jüngst deutlich mehr Junioren mit Weltklassepotenzial als wir. Zweitens erinnere ich mich an Zeiten, in denen wir z.B. am Hlinka-U18-Turnier Kanada, Finnland und Schweden bezwungen haben. Wieso sind wir heute derart weit von solchen Resultaten entfernt? Dies muss Gegenstand einer Auslegeordnung sein, und um diese Frage zu beantworten stehen alle in der Pflicht und in der Verantwortung: Die Verbandsgeneräle, der Juniorenauswahlcoachingstaff, die Vereinsverantwortlichen, die Sportchefs, die Profi- wie auch Amateurausbildner, die Scouts und die Fachjournalisten. 

In emotionalen Beiträgen in den sozialen Medien wird die Schuld an dieser Juniorenmisere nicht zu selten der erhöhten Anzahl Import-Spielern zugeschoben und dem Fakt, dass bei uns Talente viel später in die Top-Profiliga integriert werden als in Skandinavien. Da will ich ganz einfach sagen, dass dies definitiv nicht stimmt, denn das Problem der qualitativ schwachen Junioren haben wir seit einigen Jahren. Die Erhöhung der Anzahl Import-Spieler erfolgt aber erst auf die neue Saison hin und bei den USA und Kanada spielen zu 99% Spieler, die ebenfalls keine Erfahrung im Profihockey haben. Trotzdem: Vermutlich wird die Erhöhung der Importspieleranzahl rein gar nichts dazu beitragen, unser Juniorenproblem beheben zu können, eher das Gegenteil wird der Fall sein.

Das Hauptproblem liegt aber ganz woanders: In der Basisausbildung der Eishockey spielenden Kinder. Jetzt sind mutige Entscheide gefordert, mutige, ehrgeizige Projekte, «Out of the Box denken und handeln» und Aktionen nach dem «Try and Error»-Prinzip. Ideen dürfen nicht zerredet und nicht «zerrechnet» werden, denn wie in jeder Firma, ist es auch bei Eishockeyprojekten so: Wenn man will, dass Ideen und Projekte nicht realisiert werden, dann legt man sie dem Finanzchef zur Berechnung vor und dies können wir uns definitiv nicht mehr leisten, sonst sind wir auf Nationalmannschaftsstufe in 5-10 Jahren selbst gegen Oesterreich nicht mehr Favorit. 

  


Thomas Roost

Thomas Roost ist seit 1996 NHL-Scout für den Central Scouting Service und verfolgt die beste Liga der Welt hautnah.  Für MySports ist Roost als NHL-Experte & Co-Kommentator im Einsatz. In seiner wöchtenlichen Kolumne «Roosts Ramblings» schreibt er über Themen aus der NHL und der grossen Hockey-Welt.

https://www.thomasroost.com I Twitter: @thomasroost

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