Eishockey-WM Schweiz: Starkes Turnier mit Wermutstropfen

21.05.2026
Aktualisiert am 21.05.2026

Text von Thomas Roost, Fotos zvg

Die Schweiz liefert ab. Unser Team begeistert mit hervorragenden Leistungen, die Stimmung in den Stadien ist top, und beim Drumherum (Fan-Village, Unterhaltung, Swissness-Details, Organisation, Verpflegung etc.) habe ich ebenfalls wenig bis nichts auszusetzen. Die WM macht rundum Freude – ein grosses Dankeschön an unsere Mannschaft, den Staff, das WM-Organisationskomitee und an die zahlreichen freundlichen und hilfsbereiten Volunteers. Wir werden Zeugen eines hochkarätigen internationalen Eishockeyturniers mit gelungenem Eventcharakter und gut gelaunten, kreativen sowie friedlichen Fans.

Der Wermutstropfen:
Was ich kritisieren muss, ist die etwas irreführende Affiche «Eishockeyweltmeisterschaft». Der durchschnittlich Sportinteressierte erwartet an einer Weltmeisterschaft, dass die besten Athleten der Welt antreten, und der Weltmeistertitel sollte bedeuten, die weltbeste Mannschaft zu sein – abzüglich des unberechenbaren Glücks-/Pechfaktors. Leider gilt dies seit vielen Jahren nicht für die IIHF-Eishockeyweltmeisterschaft, denn vor allem bei den Topnationen werden meistens nur B- oder C-Auswahlen nominiert. In diesem Jahr wird dieses Problem durch die Olympischen Spiele zusätzlich akzentuiert, denn kaum ein Spieler der Topnationen stellt sich der Belastung aus 82 NHL-Spielen, plus zusätzlichen Playoffeinsätzen, plus olympischem Eishockeyturnier und am Schluss noch der Weltmeisterschaft.

In diesem Jahr leiden sogar viele kleinere Nationen unter dem „Olympiakater“. Selbst bei den Deutschen, Slowaken, Letten, Österreichern und Italienern fehlen viel zu viele Leistungsträger. Das WM-Leistungsniveau der genannten eher kleineren Eishockeynationen ist darum spürbar bescheidener als in «normalen» WM-Jahren. Bei den Topnationen sieht es nicht anders aus. Kanada und Schweden haben nur zwei Olympioniken im Kader von maximal 25 Spielern, die USA gar nur einen. Bei den Tschechen und den Finnen sind es immerhin acht. Neben den Schweizern (18 Olympioniken) sind es denn auch die Finnen, die mit einem vergleichsweise starken Kader an dieser WM auftreten.

Pointiert und etwas polemisch ausgedrückt spielen an dieser WM: Schweiz A-, Kanada C+, USA C, Schweden B, Finnland A/B, Tschechien B. Dies ist einer Weltmeisterschaft unwürdig. Hinzu kommt nach wie vor das Fehlen von Russland und Belarus, und dieses drückt ebenfalls auf das durchschnittliche Niveau dieser WM-Spiele. Der Niveauunterschied zwischen den besten Nationen und den schwächsten ist weiterhin zu gross, und das Fehlen Russlands und Belarus trägt zu diesem Ungleichgewicht bei. Wenn bei einem Spitzenkampf zwischen zwei Teams mit je neun Punkten aus drei Spielen das Resultat 9:0 lautet, dann indiziert dies die erwähnten Probleme.

Leistungsmässig, inklusive aller Topshots, müsste man die WM vermutlich folgendermassen aufteilen: CAN, USA, RUS, SWE, FIN, CZE, SUI, SLK, GER, LAT, BLR, DEN für die erste Division. Danach ein Schnitt für die zweite Division mit NOR, AUT, SLO, HUN, KAZ, FRA, GB, ITA, POL, JAP, UKR, ROM. Dies würde in beiden 12er-Divisionen deutlich mehr kompetitive Spiele ergeben. Im Top-Division-Pool wären die Gruppenspiele keine Selbstläufer und kein „Ferienlager“ mehr für die Topnationen – jedes Spiel hätte grosse Bedeutung. Zugegeben: Dies ist aus verschiedenen Gründen wohl Wunschdenken, obwohl es der Logik kompetitiver Wettbewerbe entsprechen würde.

Zurück zur WM in der Schweiz. Die Schweiz, bei der fast alle Topshots an Bord sind, darf ich bei dieser Kritik ausnehmen. Es ist eindrücklich – wie jedes Jahr –, dass trotz Doppel- und Dreifachbelastung unsere Topshots mit Freude und Leidenschaft unser Land an den Weltmeisterschaften vertreten. Unsere Nationalmannschaft hat in den letzten zehn Jahren vermutlich den grössten Leistungssprung aller Nationen gemacht, und dies zeigt sie auch in Zürich auf eindrückliche Art und Weise. Leider gilt dies nicht im gleichen Mass für die Junioren – dort besteht seit Jahren Handlungsbedarf.

Bei aller Euphorie und der verdientermassen sehr positiven Berichterstattung fehlt es uns noch etwas an Souveränität, denn mit den weitgehend fehlenden Hinweisen auf die extrem ausgedünnten Kader der Topnationen werden dem Durchschnittsfan die wahren Kräfteverhältnisse tendenziell vorenthalten. Wenn wir an dieser WM z. B. gegen die USA antreten, dann sind das in realistischer Analyse weder Duelle gegen die Olympiasieger von Milano noch gegen die WM-Titelverteidiger – dies waren bei den USA komplett andere, deutlich besser besetzte Mannschaften als hier in Zürich.

Andererseits habe ich Verständnis, denn es gilt, die Euphorie hochzuhalten, um möglichst viele Kids für den Eishockeysport zu begeistern und Sponsoren abzuholen. Trotzdem wünsche ich mir teilweise mehr Selbstbewusstsein, um die Realität mit offenem Visier anzuerkennen.

So, jetzt freuen wir uns auf den zweiten Teil der Schweizer Festspiele. Ich bin sehr optimistisch, und nach dem bisher Gezeigten darf ich die Schweiz zusammen mit Finnland zu den Topfavoriten auf WM-Gold zählen. Aber auch Schweden, Kanada und die USA werden sich vermutlich steigern und ein Wörtchen mitreden wollen, wenn es um die Medaillenvergabe geht. Es ist zudem durchaus denkbar, dass die Topnationen noch den einen oder anderen sehr guten Spieler nachnominieren, um ihre Chancen in den KO-Spielen zu erhöhen. Das Niveau wird spätestens ab dem Halbfinal deutlich höher sein als in den Gruppenspielen.