
Text von Thomas Roost, Fotos: zvg/Keystone - Carolyn Kaster
First and foremost:
Das Finalspiel war ein Klassiker auf allerhöchstem Niveau. Eishockey vom Feinsten, doch dazu später.
Dem olympischen Eishockeyturnier lag ein Format zugrunde, welches Ueberraschungen förmlich provozierte. Ab den Play-Inns zählte nur noch je ein einziges Spiel, welches über das Ausscheiden oder das Weiterkommen entschied. Zudem halfen einige Spielverläufe mit, Ueberraschungen in der Wahrscheinlichkeitsberechnung zu potenzieren (z.B. CAN vs CZE, CAN vs FIN, SUI vs FIN), aber am Ende war es trotzdem fast gänzlich wie erwartet. Die beiden nordamerikanischen Topfavoriten setzten sich durch und weil der Bronzefavorit SWE bereits im Viertelfinal auf die USA traf, konnte FIN die Bronzemedaille von den Schweden «erben». Ok, um genau zu sein, eine einzige Ueberraschung gab es doch: Die Slowaken haben Finnland trotz Unterlegenheit im Gruppenspiel besiegt. Die Finnen haben dann jedoch im Bronzespiel das Kräfteverhältnis wieder ins Lot gebracht.
Die Schweiz spielte ein gutes Turnier. Die Must-Win-Spiele wurden souverän gewonnen. Das Spiel gegen Tschechien war sehr gut. Es war zum ersten Mal in der «Neuzeit», dass wir ein Spiel gegen eine Top6-Nation in Bestbesetzung gewinnen konnten, allerdings in einem Spiel ohne grosse Bedeutung, aber immerhin. Gegen Finnland, ebenfalls in Bestbesetzung (für diejenigen unter den Lesern, die ein Haar in der Suppe finden wollen: Ja, bei den Tschechen hat Zadina gefehlt und bei den Finnen Barkov, aber bei uns Fiala), konnten wir mithalten und der Spielverlauf mit einem frühen Fehler von Saros hat uns geholfen, an der Ueberraschung mehr als zu schnuppern. Die Finnen sind von der Spielanlage her ein Team, das sich schwertut, Rückstände aufzuholen, gleichzeitig aber vielleicht auch das beste Team der Welt, einen Vorsprung zu verwalten. Es war ein hoch dramatisches Spiel mit einem unglücklichen Ende für uns. Auch das Gruppenspiel gegen Kanada war aus Schweizer Sicht sehr ansprechend. Es war eher ein 4-2 als ein 5-1 Spiel und die Schweizer haben es immer wieder verstanden, die etwas zu optimistische Spielweise der Kanadier mit sehr gefährlichen Offensivaktionen zu hinterfragen. Als Einzelspieler gilt es, Leonardo Genoni zu erwähnen, der einmal mehr seine Weltklasse unter Beweis gestellt hat. Wenn er 5cm grösser wäre, dann hätte er eine wunderbare NHL-Karriere gemacht. Er ist auf der Weltbühne ein grosser aber ein etwas unglücklicher Goalie. Immer wieder schnupperten wir an Grossanlässen dank ihm an grossen Siegen, aber immer wieder gaben wir diese Siege mit Genoni im Tor im allerletzten Moment aus den Händen (2019 WM-Viertelfinal vs CAN, 0.4 Sekunden vor Schluss Ausgleich der Kanadier durch Shea Theodore gefolgt durch die Overtime-Niederlage, 2021 WM-Viertelfinal vs GER, 44 Sekunden vor Schluss Ausgleich der Deutschen gefolgt durch die Penalty-Shot Niederlage – Noebels mit seinem Forsberg-Style-Move. Jetzt bis sechs Minuten vor Schluss eine 2-Tore-Führung gegen die Finnen, der Ausgleich 72 Sekunden vor Schluss, gefolgt von der Overtime-Niederlage. Keines dieser späten Gegentore ist in meiner Erinnerung ein so genanntes «Soft-Goal», darum unglücklich für Genoni, aber es sind halt doch solche Momente die Helden kreieren und dies ist ihm auf höchster internationaler Ebene verwehrt geblieben. Am Ende des Tages hat es sich gezeigt, dass wir auch auf höchster Ebene mittlerweile kompetitiv sind und in einzelnen Spielen auch die besten der Welt fordern können. Zu Tschechien scheinen wir mit dieser Spielergeneration aufgeschlossen zu haben, zu den Finnen fehlt noch ein «Mü» und gegenüber den Schweden fehlen vielleicht zwei «Mü». Im Vergleich zu den Kanadiern und den USA war der Niveauunterschied gut spürbar, aber auch nicht so, als dass wir uns hätten verstecken müssen.
Das Niveau der Spiele der Topnationen war unfassbar hoch. Es durfte erwartet werden, dass dieses olympische Eishockeyturnier auf einem deutlich höheren Level als die jährlich stattfindenden Weltmeisterschaften gespielt wird und dies wurde voll bestätigt. Was die Topnationen zeitweise aufs Eis zauberten, war unglaublich. Verteidiger wie Quinn Hughes sind für Eishockeyliebhaber schlicht und einfach ein Leckerbissen und allein ein Eintrittsticket wert. Goalie Connor Hellebuyck: «Big and boring» und «big and boring» ist die höchste Auszeichnung, die ich bei einem Goalie vergebe. Bei Kanada McDavid, Celebrini, Makar? Unglaublich, sie reissen mich bei fast jeder Aktion vom Sitz.
Die USA haben meine Papierform bestätigt, sie hatten das bessere Goaltending und die besseren Defender als die Kanadier. War es ein Fehler, auf die Verteidiger Matthew Schaefer und/oder Evan Bouchard zu verzichten? Mit einer schon fast unglaublichen Quote von 89% erfolgreichen Zone-Exits (60-70% gelten in der NHL bereits als gut) im ersten Drittel im Finalspiel gegen die Weltklasseforechecker der Kanadier hatten sie einen unvergleichlichen Trumpf in ihren Händen. 100% PK-Erfolgsquote, noch Fragen? Dylan Larkin mit beinahe 70%! Erfolgsquote im Bullykreis.
Die Kanadier haben mit einer sehr attraktiven Spielweise zum höchstmöglichen Unterhaltungswert beigetragen. Wenn McDavid, Celebrini, MacKinnon und Makar zusammen zum Angriff bliesen, dann brannte es immer lichterloh, egal wer die Gegner waren. Sie haben mit ihrer Spielweise aber in Kauf nehmen müssen, dass ihre Gegner zu einer (zu) hohen Anzahl Torchancen gekommen sind und dies gilt auch für die Schweiz. Headcoach Cooper dachte wohl: «Ich kann doch den «special Players» MacKinnon, McDavid, Celebrini, Makar und Co. keine taktischen Fesseln auferlegen, dies wäre ein Verbrechen am Eishockey» und exakt so denke ich auch. Mag sein, dass diese (zu) optimistische Spielweise den Olympiasieg gekostet hat.
Zurück zum Olympiasieger: Ich denke, dass die USA über alle vier Blöcke hinweg ein «Mü» besser besetzt waren als die Kanadier, die auf dem Papier nur auf der Centerposition Vorteile aufweisen konnten. Das Finalspiel war ein Leckerbissen sondergleichen, von der Qualität her nur noch vergleichbar mit dem Gruppenspiel am 4-Nationscup vor ziemlich genau einem Jahr. Mein Tipp war die USA, aber ich muss eingestehen, dass im Final die Kanadier den Sieg mehr verdient gehabt hätten, sie waren etwas besser. Mein Gesamtbild des olympischen Eishockeyturniers sagt mir aber, dass die USA in diesen zwei Wochen, über alles gesehen, ein «Mü» besser performt haben als die Kanadier. Sie sind ein würdiger Olympiasieger und krönten mit dieser Goldmedaille zu Recht ihr seit vielen Jahren herausragendes Ausbildungsprogramm.
Ich hoffe, dass uns eine über zehnjährige Wartezeit auf ein Turnier mit dieser Qualität in Zukunft erspart werden wird. Eine solch qualvolle Dürre wäre ebenfalls ein Verbrechen am Eishockey.
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