Analyse der Eishockey-WM: Schweiz überzeugt, Finnland siegt

01.06.2026
Aktualisiert am 01.06.2026

Text von Thomas Roost, Foto: Keystone/Salvatore Di Nolfi 

Die WM war grossartig. Organisation, Eventcharakter, Details (Kuhglocke), das Muuuhh, Cooley, die Animation via Screen, das Fanvillage (ich kann aber nur für Zürich sprechen), die vollen Stadien auch bei den «Gurkenspielen», die fröhlichen Kinder der geladenen Schulklassen, die Hollywood-Sterne entlang des Fusswegs zum Fanvillage, die Verpflegung im Fanvillage, die freundlichen und hilfsbereiten Volunteers, alles war erstklassig. Die Schweiz hat sich mit dieser WM als Hockeycountry profiliert, und die Euphorie, die sich über das ganze Land ausgebreitet hat, wird 100%ig dazu führen, dass mehr Mädels und Jungs Lust verspüren, Eishockey spielen zu wollen, und dies ist das wichtigste Vermächtnis dieser WM, viel wichtiger als gewonnene oder verlorene Medaillen.

Das Positive unserer Schweizer Mannschaft
Unsere Jungs haben hervorragend performt. Es war eine Freude, ihnen zuzuschauen. Sie haben Sieg an Sieg gereiht und waren auch im Final auf Augenhöhe mit den starken Finnen. Josi war neben Barkov der beste Spieler der WM, Genoni war sehr gut. Unsere Hinterbänkler in den hinteren Reihen haben positiv überrascht. Malgin und Andrighetto haben gezeigt, dass sie gegen die Aussenseiternationen den Unterschied ausmachen können. Jan Cadieux hat mit der Ausnahme der unnötigen Irritation mit Thoresen einen sehr guten Job gemacht, und die berechtigte Mitfavoritenrolle wurde von unserer Mannschaft souverän interpretiert.

Die Überraschung
Norwegen war die einzige Überraschung an dieser WM, aber dies kam nicht von ungefähr. Norwegen hat gute junge Spieler, physisch starke und gross gewachsene Athleten. Alles andere war für mich nicht überraschend. Ich hatte ja bereits vor der WM auf die Finnen getippt, und vor dem Duell gegen Schweden habe ich auch klar auf die Schweiz gesetzt. Für einmal haben sich alle meine Tipps ausnahmslos bewahrheitet, und jetzt, wo ich der absolute Tipp-König unter den sogenannten «Experten» bin, darf und kann ich dazu sagen: Dies ist zu mehr als 50 % nur reines Glück. Tippkönige in einer Sportart wie Eishockey auf derselben Leistungsstufe werden massiv überschätzt und sind bei langfristiger Beobachtung nicht viel besser als der Durchschnittsfan bei der Vorhersage von Ranglisten und Resultaten. Diese Aussage hätte viel weniger Gewicht, wenn ich sie als Tipp-Verlierer gemacht hätte, darum…

Kritik an der WM
Es ist sportlich extrem schade und spätestens mittelfristig untragbar, dass an einer Eishockey-WM nicht die besten Athleten auftreten und in einer Sportart wie Eishockey, die nur in ca. einem Dutzend Nationen mit hohem professionellem Aufwand betrieben wird, zwei dieser 12 Nationen, nämlich Russland und Belarus, nicht mit dabei sind. Kanada hat enttäuscht, mir hat in vielen Phasen bei einigen kanadischen Spielern die Ernsthaftigkeit etwas gefehlt, und bei den USA hat mir die Ernsthaftigkeit bei der Kaderzusammenstellung gefehlt. USA ist mit einem C-Team angetreten.

Kritik an der Schweizer Nati (Massstab, wir wollen an die Weltspitze und wir wollen WM-Gold)
Im Final waren wir skillmässig und taktisch den Finnen unterlegen. Wir hatten etwas mehr Speed und mit Josi den besten Defender auf dem Eis. Die Finnen waren in der Defensive extrem gut strukturiert und diszipliniert, gepaart mit guten individuellen läuferischen und Puckmanagement-Skills. Die Finnen hatten Vorteile auf den Centerpositionen eins und zwei. Barkov und Lundell waren auf hohem Niveau ein «Mü» besser als Hischier und Malgin. Wir hatten gegen kleinere Teams zweimal Probleme: In den ersten 25 Minuten gegen Deutschland und Norwegen. Beide wollten uns mit physischem Spiel den Schneid abkaufen, und es ist ihnen in den Anfangsphasen der genannten Spiele gelungen. Aber auch dies war zu erwarten, nachdem die letzten Kadernominationen mit Rochette und Egli bekanntgegeben wurden. Trotzdem, in der einen und anderen Phase dieses Turniers habe ich mir gewünscht, Lian Bichsel mit dabei zu haben. Es sind Millimeter und Details, die auf diesem Niveau entscheiden, und darum haben die Verantwortlichen der Mannschaft auch im Bereich Vorbereitung, Ernährung, Erholung, Analytics, mentale Aspekte etc. etc. alles, wirklich alles getan, um in allen Bereichen die letzten kleinen Details der Leistungsfähigkeit herauszukitzeln, die man herauskitzeln kann. Ausser eben bei der bestmöglichen Besetzung des Kaders, wenigstens auf dem Papier. Unser Skating-Level betreffend Mobilität und Speed genügt mittlerweile für die Weltspitze. Betreffend Stabilität auf den Schlittschuhen gibt es noch Luft nach oben. Hinsichtlich Skill-Level im Bereich Puckmanagement, Moves, Dekes (Körpertäuschungen), Pass- und Schussqualität, Puckbattles und Intensität haben wir uns auch verbessert, sind aber noch nicht dort, wo sich die Weltspitze befindet. Dies hat sich am olympischen Turnier gezeigt und phasenweise auch im Final gegen Finnland an dieser WM.

Ausblick
Wenn ich die Entwicklung auf Juniorenstufe mitberücksichtige, dann müssen wir feststellen, dass die Schweiz von Nationen wie der Slowakei und Norwegen künftig bedrängt werden wird, und die jungen Topspieler in Schweden, Finnland, der USA und Kanada sind spürbar besser als unseren jungen Topspieler. Unsere Nati wird noch ein bis zwei Jahre dieses sehr hohe Niveau halten können (vorausgesetzt, niemand der NHL-Cracks tritt aus der Nati zurück), aber dann wird es schwierig, und sobald die Russen und Belarus zurück sind, wird auch die Viertelfinalqualifikation nicht mehr selbstverständlich. Wir müssen Mittel und Wege finden, auf Juniorenstufe wieder einen guten Schritt nach vorne tun zu können, sprich mehr frühe NHL-Draftpicks entwickeln.
Können wir Weltmeister werden? Ja, das können wir, ich denke aber, es wird eher an einem Turnier der Fall sein, in dem wir nicht zu den absoluten Topfavoriten zählen. Zum Beispiel nächstes Jahr in Deutschland? Ja, vielleicht genau dann.