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Artikel - Wenn Sport instrumentalisiert wird

Die Formel e hat eine Mission, grösser als der Sport. Die Rennen sind vor allem Vehikel für die Message der nachhaltigen Mobilität. Sobald Sport aber instrumentalisiert wird, lauern verschiedene Fallen. In gleich drei davon sind die Formel e-Macher getappt, schreibt Herbert Zimmermann in seinem Blog.

An der Formel e scheiden sich ohnehin die Geister: Für die «Benzinschmöcker» ist es eh nur ein langweiliges Gesurre, selbst wenn sich die Serie bis zur Season 7, die an diesem Wochenende begann, zu einem sportlich hochwertigen Wettkampf entwickelt hat, spektakulär und spannend. Und das alles, so die Absicht der Macher der Formel e, damit jeder sieht: Mobilität – mit ihr Rennsport – funktioniert auch elektrisch und nachhaltig.

«Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los» 
Johann Wolfgang Goethe, Der Zauberlehrling

Die Botschaft ist hehr. Die Formel e ist neu von der FIA anerkannte Weltmeisterschaft. Immer mehr TV-Stationen schalten sich weltweit zu – MySports ist seit Sendestart in Season 4 dabei. Jeder Sender übernimmt die Rolle eines Besens aus Goethes Ballade. Mir wurde dies bewusst, als am Samstag beim zweiten Rennen in Ad-Diryiah in der Startaufstellung «Seine Königliche Hoheit» Kronprinz Bin Salman bin Abdulaziz Al-Saud auftrat, begleitet von der saudischen Nationalhymne, beklatscht vom Tross. Genau jener Machthaber, von dem tags zuvor die amerikanischen Geheimdienste bestätigten, dass er den Mord am regimekritischen Journalisten Jamal Khashoggi befohlen haben muss. Falle 1 ist zugeschnappt. Der Prinz bekommt etwas vom positiven Glanz der Formel e im internationalen Scheinwerferlicht ab. Wenigstens MySports war zu dem Zeitpunkt im Studio-Programm. Der internationale Feed «versendete sich», Prinz Bin Salman bekam auf MySports keine Bühne.


Doch ich begann zu grübeln. Wo sind wir hier eigentlich, zu diesem Saisonstart? In Saudi-Arabien, einem Land mit absolutistisch regierender Monarchie. Einem Land, das gerade einen Stellvertreter-Krieg führt beim bitterarmen Nachbarn Jemen. Einem Land, das sich als Hüter des wahren Islam sieht und dessen Gesetze in aller Härte durchsetzt. Die Formel e präsentiert eine glitzernde Fassade, mit funkelnden LED beim ersten Nachtrennen und dem Hinweis, wie sehr sich das ölreiche Land bemüht, vom schmutzigen Öl-Reichtum wegzukommen und ein moderner Staat zu werden. Falle 2: Schnapp!
 

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«Erst kommt das Fressen, dann die Moral» 
Bertold Brecht, Dreigroschenoper

Vielleicht birgt das Gastspiel der Formel e in Saudi-Arabien aber wirklich erste Schrittchen der Öffnung. Die Saudis zeigten sich, bereits zum dritten Mal, als grosszügige Gastgeber der Formel e. Welche Länder helfen in Zeiten von Corona, einen sportlichen Grossanlass zu ermöglichen? Was ist das für ein Gast, der vom hohen Ross herab die gewährte Gastfreundschaft in Frage stellt? Warum kritisiert man Saudi-Arabien – was ist mit Hongkong oder Moskau, anderen Formel e-Rennplätzen?
Dieses Dilemma teilt die Formel e mit ganz vielen grossen Sport-Ereignissen: Wie unverfänglich sind Olympischen Spiele in Peking, Fussball-Weltmeisterschaften in Russland, die Eishockey-WM in Weissrussland…? Ach ja: Bei letzterer mussten weder Spieler, Fans, noch Politiker weiter Einfluss nehmen, als die Sponsoren einschritten. Diese fürchteten den Imageschaden und drohten mit Rückzug. Die Hauptsponsoren der Formel e, zwei globale Konzerne mit Sitz in der Schweiz, gewichten die fortschrittliche Message der Formel e höher als einen fiktiven Imageverlust. Noch. Oder sie versprechen sich eventuell gar einen geschäftlichen Vorteil. Frei nach Brecht.

«The Games Must Go On» 
Avery Brundage, Olympische Spiele München 1972

Falle 3 haben ganz praktisch alle zuhause an den TV-Geräten verpasst. Wir von MySports auch. Das zweite Rennen in Ad-Diryiah wurde kurz vor Schluss abgebrochen, nach einem Crash von Evans und Günther. Meinte jeder, aufgrund der Übertragung aus der Formel e-Küche. Sehr schnell machte nach dem Rennen das Handyfilmchen einer Person am Streckenrand die Runde, in dem nach dem eher harmlosen Crash der Genannten plötzlich der kopfüber stehende, funkenstiebende Bolide von Alex Lynn durchs Bild rutschte. Ein lebensbedrohlicher Unfall!

Zugegeben, der Grat zwischen Information und Voyeurismus extrem schmal, die Absturzgefahr gross. Negativ erlebt am Sonntag beim Super-G der Frauen, als die Regie unnötig lang, in Slomo und relativer Grossaufnahme den Sturz von Kajsa Lie mit abgeknicktem Unterschenkel zelebrierte. Doch wie die Formel e jegliche Bild- oder Text-Information in der Übertragung verschwieg, trägt alle Merkmale von Zensur. Kein Text-Avis auf dem internen Kommentatoren-System, wo sonst jede Zwischenzeit und jede Untersuchung der Rennleitung in Sekundenschnelle aufleuchtet. Keine nachträgliche Wiederholung bis zu einem massvollen Punkt, um wenigstens einen Anhaltspunkt zum Vorfall zu bekommen. In den Runden, wo das Feld hinter dem Safety Car mehrmals an der Unfallstelle vorbeifuhr, vermied die Regie penibel jeden Ausschnitt jenseits des Pistenrands. Alte TV-Regel: Was man nicht sieht, fand auch nicht statt. Die Besen, die TV-Sender weltweit, verabschiedeten sich mit Jubel und Feuerwerk der Siegerehrung, unwissend. Klick, Falle zu.
Dem verunfallten Lynn geht es gut, den letzten, spärlichen Informationen zufolge. Aber: Wer traut diesen Informationen jetzt noch, so wie alles kanalisiert, gefiltert und instrumentalisiert wird? Die Formel e reist weiter nach Rom, wo in der Antike die Herrscher das Volk mit Brot und Spielen bei Laune hielten. Die Show wird weitergehen. Wie immer, irgendwie.