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Artikel - Mortara mit minimen Chancen auf den Titel

Stoffel Vandoorne führt in der Formel E-WM mit 36 Punkten Vorsprung, vor dem Season Finale in Seoul. Grosses Gähnen also vor dem abschliessenden Doubleheader? Nicht doch! Edo Mortara und Mitch Evans dürfen hoffen – Mercedes sei Dank…

Klar, unser Experte Neel Jani hat bereits nach dem letzten Wochenende in London bilanziert: «Stoff hat mindestens eine Hand am Weltmeister-Pokal!». Es spricht eigentlich alles für den Belgier: Seine Konstanz, sein Auto, die Pannen bei der Konkurrenz. Dennoch wird der Abschluss von Season 8 in der Formel E garantiert spannend. Denn wenn man mit etwas rechnen darf, dann mit der Unberechenbarkeit der Elektro-Racer.

Gewitter ziehen auf

Wer ein Rennen ungefiltert – von «Biep»-Tönen abgesehen, die Unflätiges überdecken – mit den Fahrern erleben will, dem empfehle ich die Zusammenfassung des London-Wochenendes mit den Originalen vom Boxen-Funk (https://www.fiaformulae.com/en/news/2022/august/best-team-radio-radio-london-e-prix). Da entdeckt man unterschiedliche Temperamente und, beim so souverän scheinenden Mercedes Werks-Team, kratzbürstigen Umgang untereinander. Der abtretende Weltmeister Nyck De Vries verweigert die ausdrückliche Order von Teamchef Ian James («Stop now: Got to let Stoff in!» und erfrecht sich, dem WM-Führenden die drei zusätzlichen Punkte für den dritten Platz vorzuenthalten («I see no reason, why to give up my podium.»).

36, beziehungsweise 41 Punkte Rückstand sind zwar eine Menge Holz, das die verbliebenen WM-Konkurrenten Mitch Evans und Edo Mortara in Seoul zu hacken haben. Aber 39/44 Punkte wären noch etwas mehr. Man stelle sich vor, Stoffel Vandoorne zieht ausgerechnet am Samstag einen Nuller ein, während Evans oder Mortara das Maximum von 29 Punkten einfahren. So hanebüchen ist dieses Szenario gar nicht, denn sowohl Mortara im Kunden-Mercedes, wie auch Evans im Jaguar haben in dieser Saison zwei Siege mehr herausgefahren als Vandoorne. Und in Seoul flutet derzeit aussergewöhnlich starker Regen die Stadt, was noch weit übers Wochenende anhalten soll. Regen im Rennsport – da sind die Chancen im Roulette grösser, die Gewinnaussichten zu berechnen.

«Silly Season»

Nyck De Vries’ ziviler Ungehorsam wirft ein Schlaglicht auf die aktuellen psychischen Zustände in der Formel E: Es ist «Silly Season», der Moment kurz vor Ende eines Rennjahres, wo das Fahrer-Karussell fürs nächste Jahr dreht. Mercedes, das Team von De Vries und Vandoorne, steigt aus. Da pfeift De Vries auf den Frieden im Team. Es gibt beim Stern des Südens eh keinen Folgevertrag mehr, also rette sich, wer kann, mit guten Resultaten, um seine persönliche Position im Markt zu verbessern.

Bestes Beispiel für das Aufeinanderprallen von Alphatier-Piloten ist dabei das Team DS Techeetah mit Jean-Eric Vergne und Antonio Felix da Costa. Die knallen sich gegenseitig in die Kiste, seit sie für den selben Stall fahren. London bot wieder einmal besten Anschauungs-Unterricht. Die Balz um den besten Platz in Season 9 der Formel E, mit dem neuen Gen 3-Auto, kennt wenig Unterschied zwischen Freund und Feind, sondern nur «Survival of the Fittest». Da gerät wörtlich schnell unter die Räder, wer zu weiche und zu schmale Ellbogen hat. Leider gehört auch Edo Mortara dazu, mit der derzeitigen Punkteflaute. Sein Team-Kollege Lucas Di Grassi – der Mortara übrigens in Monaco abgeschossen hat – verliess gerade London als Sieger. Wenigstens beweist das: Das Venturi-Auto des Schweizers taugt nach wie vor für Siege, angetrieben vom selben Mercedes-Motor wie Vandoorne…

MySports berichtet mit Experte Neel Jani live von der Renn-Lotterie, dieses Wochenende in Seoul!